

Eine queere, wilde Holle?

Vor fünf Jahren sind wir in die Region rund um den Meissner gezogen. Dort unter dem Holleteich – so wird erzählt – wohnt die Frau Holle in ihrem immergrünen Garten und wiegt die Seelen, bis sie wieder ins Diesseits kommen. Sie erscheint im Jahr in drei verschiedenen Erscheinungsformen: die junge Holle, die Liebesgöttin Holda und die Todesgöttin Hel. Jede hat ihre ganz eigenen Eigenschaften, die in regionalen Mythen wiederzufinden sind.
In verschiedenen Zeiten wurde sich die Figur der Holle zunutze gemacht, auch um essentialistische, patriarchale oder patriotische Ideologien zu untermauern.
Trotz dieser historischen Verfärbung der Frau Holle, wollen wir in die Bilder und Geschichten lauschen, die von dieser Figur übrig geblieben sind. Holle könnte auch einfach für die Natur stehen, deswegen in unserem Verständnis Teil von uns selbst, genauso queer wie alles Lebendige und vor allem eine Einladung, selbst ins Spüren zu kommen.
Wir versuchen nicht einen imaginären Holle-Kult zu reproduzieren, sondern vielmehr zu fragen, was diese Figur uns hier und heute zu sagen hat. Welche Kraft für eine gesellschaftliche Transformation steckt in der Holle?
Einbettung im Jahreskreis
In Holles Rad reisen wir durch den Jahreskreis. So, wie wir ihn benennen und interpretieren, ist er nicht Teil einer bestimmten Kultur – weder einer vergangenen hiesigen (z. B. der keltischen) noch einer indigenen Kultur aus anderen Regionen der Welt. Gleichzeitig sind wir selbstverständlich von anderen Praxen inspiriert und bemühen uns, damit so bewusst wie möglich umzugehen und koloniale Muster sichtbar zu machen.
Besonders inspiriert sind wir von der Arbeit von Ursula Seghezzi und Heide Göttner-Abendroth, die wiederum ihr Wissen sowohl von indigenen (matriachal organisierten) Menschen haben, als auch auch aus archäologischer Forschung und auch eigener Lebenserfahrung haben. Außerdem speist sich unsere Arbeit auch aus dem langjährigem Denkraum von Oya und dem lernen beim Eschwege Institut (die wiederum viel Wissen aus verschiedenen indigenen Traditionen wie z.B der Cree in Nordamerika haben).
Da wir alle weiß sind, scheitern wir immer wieder darin, rassistische und koloniale Strukturen in unserer Arbeit vollständig aufzuheben. Damit meinen wir zum Beispiel, dass wir als Weiße immer wieder vom Wissen und Methoden nicht-weißer Menschen profitieren (über Jahreskreise, Natursein, Trauma usw.).
Wir schreiben aus einer weißen Perspektive, in deren kulturellem Gedächtnis ein klaffendes Loch liegt, sobald wir uns auf die Suche nach mehr Verbindung zu den Kreisläufen des Lebens machen. Immer wieder thematisieren wir die historischen Brüche, die dieses Loch – das uns heute so schmerzt – hervorgebracht haben: Industrialisierung, Vertreibung und Krieg, Hexenverfolgung, Christianisierung und die Vorherrschaft des Patriarchats.
Mit unserer künstlerischen Herangehensweise suchen wir nach authentischen Zugängen zum Jahreskreis. Dabei versuchen wir nicht, das eine richtige Konzept zu finden, sondern durch spielerische Neugier die Vielfalt zu erforschen, wie wir Welt wahrnehmen können. Wir werden also kein fertiges Theoriegebilde liefern, sondern laden vielmehr zu spannende Fragen, absurde Ideen, unfertige Gedankenspinnereien und vor allem ein, selbst ins Spüren zu kommen.


Warum ist es ein Rad?
Wir sprechen vom Rad, weil sich nicht nur die Jahreszeiten zyklisch bewegen. Auch Lebensläufe, Transformationsprozesse, Menstruationszyklen, Tagesverläufe und vieles mehr verlaufen in Kreisen – und manchmal lassen sich diese verschiedenen Bewegungen übereinanderlegen: der Frühling, die Jugend, der Morgen, die Aufbruchsstimmung …
Wir forschen nach stimmigen Formen, um hier und jetzt mehr Verbindung zu diesen Lebenszyklen zu schaffen – durch Kunst, Rituale, Feste und Geschichten.