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Eine queere, wilde Holle?

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Vor fünf Jahren sind wir in die Region rund um den Meissner gezogen. Dort unter dem Holleteich – so wird erzählt – wohnt die Frau Holle in ihrem immergrünen Garten und wiegt die Seelen, bis sie wieder ins Diesseits kommen. Sie erscheint im Jahr in drei verschiedenen Erscheinungsformen: die junge Holle, die Liebesgöttin Holda und die Todesgöttin Hel. Jede hat ihre ganz eigenen Eigenschaften, die in regionalen Mythen wiederzufinden sind.

In verschiedenen Zeiten wurde sich die Figur der Holle zunutze gemacht, auch um essentialistische, patriarchale oder patriotische Ideologien zu untermauern.

Trotz dieser historischen Verfärbung der Frau Holle, wollen wir in die Bilder und Geschichten lauschen, die von dieser Figur übrig geblieben sind. Was macht es mit uns, wenn wir uns vorstellen, dass alles Lebendige aus Holles Garten kommt und auch dorthin zurückkehrt? Wenn Holle in allem Lebendigem steckt – auch in uns selbst – ist sie so vielfältig, wild und queer, wie alles was lebt.

Wir versuchen nicht einen imaginären Holle-Kult zu reproduzieren, sondern vielmehr zu fragen, was diese Figur uns hier und heute zu sagen hat.

Welche Kraft für eine gesellschaftliche Transformation steckt in der Holle?

Einbettung im Jahreskreis

In Holles Rad reisen wir durch den Jahreskreis. So, wie wir ihn benennen und interpretieren, ist er nicht Teil einer bestimmten Kultur – weder einer vergangenen hiesigen (z. B. der keltischen) noch einer spezifischen indigenen Kultur aus anderen Regionen der Welt (die uns immer wieder und manchmal unbewusst inspirieren! - dazu unten mehr!) Wir sind auf der Suche nach (Wieder-)Verbindung mit den Kreisläufen des Lebens, nach stimmigen Ritualen, emanzipatorischer Kulturkritik sowie einem Geschichten­erzählen und Kunstschaffen, das die Befreiung aller anstrebt.

Damit bewegen wir uns im Spannungsfeld gewaltvoller Vergangenheiten (Industrialisierung, Vertreibung und Krieg, Kolonialisierung, Hexenverfolgung, Christianisierung und die Vorherrschaft des Patriarchats) und gegenwärtiger Herrschaftsverhältnisse (Diskriminierung aufgrund von Gender, race, Klasse und anderen Kategorien). Diese Spannungsfelder entstehen, weil Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat nur existieren können, wenn wir uns von den Kreisläufen des Lebens, unseren (Re-)Produktionsmitteln, unserer Arbeit und der mehr-als-menschlichen Welt trennen.

Wollen wir uns wieder verbinden, müssen wir auch mit wachen Augen auf die Vergangenheit blicken, in den Sedimentschichten der Geschichte graben, die Systeme, in denen wir leben, hinterfragen und vieles Verinnerlichte verlernen. Wie können wir uns als weiße, weiblich sozialisierte Menschen in diesen Zeiten verantwortungsvoll in Spannungsfeldern bewegen, in denen so viel Schmerz liegt?

Wir versuchen insbesondere, reflektiert und bewusst mit kultureller Aneignung von indigenem Wissen und indigenen Praxen umzugehen – und zu verstehen, an welchen Stellen wir als Weiße noch immer von diesem Wissen profitieren und damit koloniale Verflechtungen fortschreiben. Damit meinen wir zum Beispiel, dass indigenes Wissen (das unter brutalen Bedingungen der Kolonialisierung weitergegeben wurde) von weißen Menschen genutzt wird, ohne Herkunft und Kontexte transparent zu machen oder etwas zurückzugeben.

 

Dieser Lernprozess, in dem wir auch immer wieder scheitern, ist Teil unserer Briefe – und wir freuen uns, wenn ihr uns auf dieser bereichernden Reise begleitet.

 

Mit unserer künstlerischen Herangehensweise suchen wir nach authentischen Zugängen zum Jahreskreis. Dabei geht es uns nicht darum, das eine richtige Konzept zu finden, sondern durch spielerische Neugier die Vielfalt der möglichen Wahrnehmungen zu erforschen. Wir liefern kein fertiges Theoriegebilde, sondern laden zu spannenden Fragen, absurden Ideen, unfertigen Gedankenspinnereien und vor allem dazu ein, selbst ins Spüren zu kommen – ins Erforschen der eigenen Verbindungen.

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Warum ist es ein Rad?

Wir sprechen vom Rad, weil sich nicht nur die Jahreszeiten zyklisch bewegen. Auch Lebensläufe, Transformationsprozesse, Menstruationszyklen, Tagesverläufe und vieles mehr verlaufen in Kreisen – und manchmal lassen sich diese verschiedenen Bewegungen übereinanderlegen: der Frühling, die Jugend, der Morgen, die Aufbruchsstimmung …

Wir forschen nach stimmigen Formen, um hier und jetzt mehr Verbindung zu diesen Lebenszyklen zu schaffen – durch Kunst, Rituale, Feste und Geschichten. 

Danke.

Wir danken allen Menschen, die vor uns das Wissen über Lebenszyklen und die Verbindung zur mehr-als-menschlichen Welt bewahrt, weitergegeben und erforscht haben. Viele von ihnen wurden verfolgt, versklavt, getötet, bedroht oder vertrieben – hier und besonders in anderen Regionen der Welt.

Wir sind dankbar, dass wir als Freundinnen zusammengefunden haben, uns gemeinsam diesen Themen widmen dürfen, Kunst schaffen und Geschichten erzählen können. Wir danken allen Menschen, von denen wir lernen durften – persönlich oder durch ihre Texte. Besonders danken wir Ursula Seghezzi, Heide Göttner-Abendroth, dem langjährigen Denkraum von Oya, der insbesondere von Lara Mallien geprägt ist, Silke Helfrich und dem Eschwege Institut sowie allen (indigenen) Menschen und Bewegungen, von denen sie wiederum ihr Wissen haben.

Wir danken all den Menschen, die Holles Rad möglich machen, durch die Orte, die sie hüten, Gedanken, die sie aussprechen und Ressourcen, die sie mit uns teilen. Danke an all die Leute, die uns mit ihrem Feedback bereichern - vor allem an die Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind, und dann auch noch diese Bildungsarbeit leisten. 

Wir danken auch allen Menschen und allem Mehr-als-Menschlichen um uns, das für uns sorgt, uns nährt und uns lebendig macht. Wir hoffen mit unserem lernenden Voranschreiten, unseren Fragen, unseren Worten und Bildern können wir zu einem guten Leben für Alle beitragen. 

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